MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: JANUAR 2024


SPAZIERGANG IM OLYMPIADORF


14. APRIL 2021

Begriffserklärung: Der Olympiapark war der Veranstal­tungs­ort der XX. Olym­pi­schen Spie­le in München im Jahr 1972. Er besteht heute aus:
- dem Olympiagelände  (Areal der Sportstätten),
- dem südlich des Olympiageländes liegenden Park (mit Olympiaberg und -see) und
- dem Olympischen Dorf  (Olympiadorf). Dieser diente während der Olympiade der Un­ter­kunft der Athleten. Es war unterteilt in olympisches Män­ner­dorf  und olympisches Frau­endorf.

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Während das ehemalige Olympische Dorf der Männer im Norden heute als Wohnviertel ge­nutzt wird, ist das frühere Olympische Dorf der Frauen im Süden eine Stu­den­ten­wohn­an­lage. Die von Werner Wirsing  1969–1971 realisierte Wohnanlage war eine konsequente Umsetzung der Vorstellungen der Studenten in den 1960er-Jahren: Sie lehn­ten „Wohn­grup­pen“ als erzwungene Gemeinschaft ab und forderten mehr In­di­vi­dua­li­tät. So wur­den 800 in langen Reihen angeordnete Minihäuser gebaut (in­zwischen sind es 1052), ein je­des mit ei­ner etwa 20 Quadrat­meter großen zweigeschossigen Mai­so­net­te­wohnung, die über Koch­zeile, Bad und Balkon verfügt. Die Fassaden der Bun­galows durften die Be­wohner nach ei­genem Geschmack selbst ge­stalten.

Das Olympische Dorf mit dem Studentenviertel

Kommt man mit der U-Bahn U3 (Station Olym­pia­zentrum) an, ist es naheliegend, zunächst die­se An­samm­lung kleiner Bungalows zu be­sich­tigen, die ein ganz be­son­deres Flair aus­strahlen. Der Kontrast zu dem nördlich davon gelegenen Wohnviertel könnte kaum größer sein. Das düstere spätwinterliche Wetter verstärkt auch noch den – freund­lich ausgedrückt – unvorteilhaften Charakter der Betonburgen im Hintergrund.



Die farbenfrohe Bemalung der Haus­tü­ren und -Fas­sa­den des Studentendorfes war von Anfang an cha­rak­ter­prä­gend. Ob­wohl bei der wegen der Leicht­athletik-Eu­ro­pa­meis­ter­schaften des Jahres 2002 erfolgten Sa­nie­rung der Bungalows die Be­ma­lung teilweise verloren ging und der spätere Abriss und Wiederaufbau der ma­ro­den Gebäude das Phä­nomen verstärkte, sieht man dies dem En­semble nicht mehr an, denn es wurde denk­mal­ge­recht wieder­gebaut, und es war nur eine Frage der Zeit, bis alles wieder so kun­ter­bunt aussah wie im alten Dorf.

Nach dem Wiederaufbau kam es zu einem gro­ßen Be­ma­lungs­wett­be­werb. Alle, die im Stu­den­ten­viertel „Olympi­sches Dorf“ wohnten, sollten Ideen für die freien Flächen entwickeln. „Mit dieser Aktion sollte an die Tradition angeknüpft werden, ge­mein­sam die Bun­ga­lows zu bemalen“. Das Ma­te­rial wurde vom Stu­den­ten­werk zur Verfü­gung gestellt. Da­rü­ber hinaus erhiel­ten alle Studen­ten, deren Ent­würfe umge­setzt wurden, ein Preisgeld von 500 Euro.


BUCHTIPP:
Habitat: Das Olympische Dorf in München
Für die Olympischen Spiele 1972 in München geplant und gebaut, sollte das Olympische Dorf mit seinen Bauten und Anlagen über die Olym­pi­ade hinaus intensiv nutzbar sein - nämlich als Wohnanlage, in der sich zeitgemäße Formen des Woh­nungs- und Städtebaus dar­stel­len. Das Olympiadorf ist eine Realität gewordene Utopie: ein Wohn­ge­biet im Grünen, nicht weit vom Stadtkern entfernt, mit allen Einrichtungen für rund 10.000 Bewohner.

Man kommt bei einem Besuch dieses Ortes nicht drum herum, an das Olympia-Attentat des Jahres 1972 zu denken. Während der XX. Olympischen Sommerspiele verübte ein pa­läs­ti­nen­si­sches Terror­kommando der Organi­sation Schwarzer September  einen Anschlag auf die israelische Mannschaft in deren Unter­kunft im Olympischen Dorf. Bei diesem Überfall am 5. September 1972 töteten die Atten­täter zwei israelische Athleten und brachten neun weitere Sportler in ihre Gewalt. Ein von den deutschen Behörden unternommener Be­frei­ungs­versuch auf dem Flieger­horst Fürs­ten­feld­bruck scheiterte. Alle israe­lischen Sportler und ein deutscher Polizist wurden von den Terro­risten ermordet. Auch fünf der acht Atten­täter kamen ums Leben.

Diese düsteren Gedanken verschwinden aber rasch beim Spazieren in dieser kleinen Oase der Ge­müt­lich­keit und der Pop-Art. Kinder in bunter Klei­dung und niedliche Lämmer be­völ­kern eine grüne Frühlingswiese, Mo­tive wie Harry Potters Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, Disneys Tarzan, florale Motive und Fan­ta­sie­land­schaften ziehen unentwegt mei­ne Blicke auf sich.

Der Kontrast zwischen dieser kleinteiligen, „men­schen­ge­rech­ten“ Wohnwelt und der Sied­lung des früheren olympi­schen Männer­dorfs könnte nicht größer sein. Letztere über­fällt mich mit der Wucht der unzähligen Stock­werke ihrer Beton­burgen. In meiner Fantasie ent­stehen danteske Bilder von in Massen über­ei­nan­der­ge­sta­pel­ten Menschen.



In den 1960er-Jahren hatte sich bei Archi­tekten und Stadt­planern ein Wechsel in der Wahr­nehmung des Woh­nungs­baus voll­zogen. Das städte­bau­liche Leit­bild, das sich in diesen Jahren etablier­te, führte weg von den ge­glie­derten und auf­ge­lockerten „langweiligen“ vier­ge­schos­sigen Zeilen­bauten hin zu einer neuen urbanen Dichte und bei­spiel­losen Mas­sie­rung von Menschen in Gebäu­de­struk­turen mit hoher Geschoss­zahl.

Diese Ansichten, zusätzlichen ergänzt durch den Baustil „Bru­ta­lismus“, prägten für mehr als zwei Jahr­zehnte den Städtebau. Der Begriff basiert nicht auf dem Wort „brutal“, wie man denken könnte, sondern kommt vom französischen „béton brut“ (roher Beton). Der Bruta­lismus stand für eine Archi­tektur, die den An­spruch hatte, bei Material und Konstruktion au­then­tisch zu sein. Er war geprägt von der Verwen­dung von Sichtbeton (nicht verputztem Beton), von simplen geome­tri­schen Formen und meist sehr grober Aus­arbei­tung und Gliede­rung der Gebäude. Das Zu­sam­men­tref­fen der beiden Archi­tektur-Leit­linien führte letztlich zu einer Verunstaltung der Städte durch graue Wohnklötze. Erst Ende der 1980er-Jahre geriet der Baustil in Verruf, Architekten und Stadtplaner kehrten zurück zur bürgerlichen Stadt.

Unabhängig vom architektonischen Stil war das Olym­pische Dorf ein städte­bau­liches Ex­periment. Es trägt den Namen „Dorf“ nicht unbeabsichtigt. Denn es sollte als „Stadt in der Stadt“ funktionieren mit Schulen, Kindergärten, Spielplätzen, Ge­schäf­ten und Kirchen. Zudem sollte das Dorf auto­frei sein und mit einer eigenen U-Bahn Station an die Stadt angebunden sein.

Kaum zu glauben: Mittlerweile gilt das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Olym­pia­dorf mit 3800 Wohn­ein­hei­ten und 6000 Bewohner als eines der be­lieb­testen Wohn­ge­biete in München. Die Be­wohner schwärmen lieber vom vielen Grün, der Ver­ban­nung der Autos in den Unter­grund und den angenehmen Wohn­ver­hält­nis­sen.

Auf den ersten (und zweiten) Blick fühle ich mich von diesem Viertel ziemlich abgestoßen. Wohnen in einer solchen Betonwüste? Bis zu 19 Etagen hohe Häuser? Wie kann man so et­was mögen? Mein Spaziergang soll mir dabei helfen, den Widerspruch zu verstehen zwi­schen dem Wohnen in einer Mas­sen­siedlung und dem gleichzeitigen Erleben der­sel­ben als „Dorf“ mit einem ganz besonderen Ei­gen­leben und einem großen Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl.

Das Olympische Dorf besteht aus drei Haupt­stra­ßen­zügen (von Norden: Straß­ber­ger­straße , Nadi­straße  und Con­nol­ly­straße), die über den Helene-Mayer-Ring zusammen­geführt wer­den. Ein auf Stelzen verlaufenden farbiges, an römische Aquä­dukte erinnerndes Röh­ren­sys­tem, die so­ge­nann­ten „Media Lines“ die­nen der Orien­tie­rung: orange für die Straß­ber­ger­stra­ße, grün für die Nadistraße, blau für die Connollystraße und gelb für den He­le­ne-Mayer-Ring. Diese Röhren des Architekten und Objektkünstlers Hans Hollein  (1934-2014) sind nicht nur Leitsystem durchs Dorf angelegt worden, sondern auch als Kunst­objekte.

Bei dem Spaziergang fällt immer wieder mein Blick auf fan­ta­sie­volle Brunnen oder in­te­res­san­te Kunst­werke. Das bemer­kens­werteste Kunstobjekt ist gleich am Anfang der Nadi­straße zu se­hen, ein aus verdreht geschich­teten Alu­mi­niumplat­ten zusam­men­ge­setzte Werk, die ur­sprünglich motor­be­weg­te Silbersäule  des Künst­lers Roland Martin.

Silbersäule (Roland Martin/1972)

Brunnen der Architektin Barbara Galke


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Es gibt im Olympiadorf (auch liebe­voll von den Ein­wohn­ern „Olydorf“ genannt) schon so einige skurrile Dinge. Jede Menge Accessoires, In­stal­la­tio­nen, ungewöhnliche Spielplätze, farbige Ram­pen und Wendeltreppen.

Keine Autos fahren oder parken auf den Straßen des „Dorfes“. Keine Ver­schan­de­lung durch die „mobile Stadt­möb­lie­rung“ also. Geparkt wird unter­halb der Wohn­komplexe. Oben ist kaum ein Mo­to­ren­ge­räusch zu hören. Die ge­räusch­arme, kinder­freund­liche Stadt: ein über­zeugendes Konzept! Der Satz „Kinder können vor der Wohnungs­tür spielen“ kann aller­dings nicht ganz stimmen. Rechnet man die Bewohnerzahl der riesigen Wohnsilos auf die mög­li­chen Spiel­flächen um, so dürfte es zu einer gewissen Enge kommen. Mütter die vom Fens­ter aus ihre Kinder beim Spielen im Auge halten, das dürfte wohl utopisch sein!

Andrerseits sind die Wohnblöcke und -straßen in viel Grün eingebettet. Es gibt mehrere Spielplätze für alle Altersgruppen, Skulpturen, die man auch bespielen darf, Rodelhügel, ein Basketballplatz, eine Skaterbahn und sogar einen kleinen See. Jeder kann im Olympischen Dorf auch ein ruhiges Plätz­chen finden und sich zurückziehen. Für das be­reits erwähnte Gemeinschaftsgefühl werden Nachbarschaftsfeste und Flohmärkte organisiert.

Keine Frage: Das Wohnkonzept dieser „Stadt in der Stadt“ ist aufgegangen. Gäbe es nur nicht diese über­di­men­sionierten Wohnkomplexe!

Je nach Perspektive sehen das Dorf und seine Ge­bäude anders aus. Im sogenannten Ober­dorf sind die Wohn­anlagen stufenförmig mit Terrassen gebaut. Und das „Olydorf“ be­steht nicht nur aus Hochhäusern, es gibt auch dreigeschossige Wohn­bau­ten, Reihen- und Atrium­häu­ser. An man­chen Ecken haben die kleiner di­men­sio­nierten Wohn­komplexe einen fast intimen Charakter.


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Auf Du und Du mit den Nachbarn

Wenn man mit dem Auto ins Dorf kommt, wird es sogar etwas unheimlich. Da durch das Viertel selbst kein Verkehr fließt, wird man unterirdisch in eine riesige Tiefgarage geleitet, wo man sein Auto ab­stel­len muss. Das kann einem in den dunklen Ta­ges­stun­den ganz schön Angst einflößen.

Ich bin zurück am Helene-Mayer-Ring, quasi dem „Dorfplatz“ des Viertels. Es ist die La­den­straße des Olym­pia­dorfes mit Postfiliale, Bäcker, Friseur, Spar­kasse, verschiedenen Su­per­märk­ten und ein paar Res­tau­rants. Die Straße ist nach der deutsch-ame­rikanischen Fech­te­rin und Olympiasiegerin Helene Mayer benannt.

Für Interessierte: Die Nadistraße ist nach dem ita­lienischen Sportler Nedo Nadi (1894–1940) be­nannt, dem sechsmaligen Gewinner der Goldmedaille im Florett- und Säbelfechten bei den Olym­pi­schen Spielen 1912 in Stockholm und 1920 in Antwerpen. Die Straßbergerstraße wurde nach dem deutschen Gewichtheber Josef Straßberger (1894–1950) benannt. James Connolly war der erste Olympiasieger der Neuzeit (1896).

Von hier aus ist es nur eine kurze Strecke zu Fuß bis zur U-Bahn-Station: Sieben Minuten Fahrzeit zur Münchner Freiheit, zwölf Minuten bis zum Marien­platz.


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