WISSENSWERTES

STAND: JANUAR 2024


UNSER WASSER AUS DER TIEFE


20. MÄRZ 2023

Die Pegel in Seen sinken, Grundwasserspeicher versiegen, Ernten bleiben aus. Weltweit häufen sich Dür­re­katas­trophen und Ernteausfälle. Der Klimawandel hat auch Deutschland erreicht! Immer öfter kommt es zu Strei­tigkeiten um die wertvolle Ressource Wasser. Auch im sonst so wasserreichen Deutschland nehmen die Ver­tei­lungs­kämpfe zu. Der Protest gegen die kommerzielle Nutzung von Grundwasser als Trinkwasser wird immer lauter.

Tiefengrundwasser kann bis einige Jahrtausende alt sein, ist besonders rein und schad­stofffrei und gilt als „eiserne Reserve“. Im Landesentwicklungsprogramm Bayern  steht, dass das Tie­fen­grund­wasser be­son­ders schutzwürdig ist.

Tatsache ist: In Bayern werden über 90 Prozent des Trinkwassers aus Grundwasser ge­won­nen. Dabei wird auch Tiefengrundwasser entnommen und genutzt, zum Beispiel von kom­munalen Was­ser­ver­sorgern. Doch nicht nur kom­mu­nale Was­ser­ver­sorger greifen nach der „eisernen Reserve“, sondern auch private Un­ter­nehmen.

Im Prinzip gehört in Deutschland das Grundwasser dem Eigentümer des darüber liegenden Grund­stücks. Das wird glück­li­cher­weise durch die Was­ser­ge­setze stark ein­ge­schränkt. Der Grund­stückeigner darf sein Eigentum nicht ausüben, ohne vom Staat dazu die Erlaubnis zu ha­ben. Das steht in den Was­ser­gesetzen der Länder. De facto gehört das Grundwasser also der All­gemeinheit. Die Landes­be­hör­den müssen auf eine sorgsame Bewirt­schaf­tung im In­te­resse der Allgemeinheit achten. Dabei hat niemand einen Rechts­anspruch auf Wasser. Grund­sätzlich hat die öffentliche Versorgung Vorrang vor dem pri­vat­wirt­schaft­lichen Interessen der Getränke­hersteller.

De facto ist die Situation eine andere: In Bayern dürfen Mineralwasser-Firmen Tie­fenwasser abp­umpen, um es als Mineralwasser zu ver­kaufen, i. A. ohne dass dafür – im Gegensatz zu anderen Bundesländern – ein Ent­nah­me­entgelt für Leitungswasser vom Staat kassiert wird.

Dieses Mineralwasser stammt aber aus denselben Quel­len  wie das Leitungswasser und wird von den­sel­ben Brun­nen – meist kostenlos, weil in Bayern eben kein Was­serent­nahme­ent­gelt erhoben wird – ab­ge­schöpft. Dann wird es, teils gesprudelt, in Kunst­stoff­flaschen ab­ge­füllt und bun­desweit und im Aus­land an Supermärkte ge­liefert.



Für die paradoxe Situation, dass (beispielsweise in Mün­chen) 1.000 Liter  Leitungswasser etwa 1,70 Euro kos­ten, im Handel man für diesen Preis aber höchstens zehn Liter Mi­ne­ral­wasser bekommt, sind zwar auch die verbraucher verantwortlich, aber wenn der Staat Ein­nah­men hätte, könnten diese zumindest dazu ver­wendet werden, um die Grund­was­ser­vorräte zu füllen und das Wasser zu schützen.


Dass sich private Konzerne wie Aldi Nord (nach der Übernahme von Altmühltaler) oder EDEKA (nach der Übernahme des bayrischen Mineralbrunnen Petrusquelle  von der staat­lichen Mineralbrunnen AG in Bad Brü­cke­nau) Brunnen sichern, sehen Naturschützer zunehmend kritisch.

Man möchte nämlich nicht in die Situation der Ter­mal­bads Vittel  (Frankreich) gebracht werden, das in­zwi­schen auf eine Wasser-Pipeline aus dem Nachbardorf an­ge­wiesen ist, weil Nestlés unstillbarer Durst sei­ne Grund­wasser-Reserven aufgebraucht hat. Dieses Wasser wird unter dem Markennamen „Vittel“ dann in Ein­weg-Plas­tik­flaschen abgefüllt und quer durch Europa in die Supermärkte gebracht.

INTERESSANT: Nestlé stellte 2022 den Verkauf der Mineralwassermarke Vittel  in Ös­ter­reich und Deutsch­land ein. Zu stark war der Konzern wegen der Was­ser­ge­winnung in Vittel in die Kritik geraten.


Vor Jahren hatte der Treuchtlinger Wasserstreit die Gemüter im Landkreis Weißenburg-Gun­zenhausen erhitzt. Die Firma Altmühltaler zapfte seit Jahren wertvolles Tie­fen­grund­wasser aus Brunnen in der Stadtmitte und verkaufte es als Mineralwasser an Deutschlands Dis­coun­ter. Das Unternehmen wollte die Fördermenge ver­dop­peln. Treucht­lingens da­ma­liger Bürgermeister hatte die Erhöhung in nichtöffentlicher Sitzung be­han­delt, um Dis­kus­sionen mit den Bürgern zu vermeiden. Als die Täuschung aufflog, wurde das Vor­haben abgelehnt.


Bad Adelholzen gilt als eines der ältesten Heil­bäder Bayerns. Im Jahr 1875 kam das Adelholzener Heilwasser erstmals in den Handel. Anfang des 20. Jahr­hunderts ging der Kur- und Badebetrieb in Adelholzen in Konkurs. 1907 erwarb das Münchener Mutterhaus der Kongregation der Barmherzigen Schwestern  Adel­holzen (1946 wurde da­raus „Bad“ Adelholzen). Das Quell- und Heilwasser wur­de von den Schwestern zur Verfügung gestellt, 1939 wurde die Primusquelle staatlich anerkannte Heilquelle. 1994 wurde aus der Adel­hol­ze­ner Primus­quelle die Adel­hol­ze­ner Al­penquellen GmbH. Die Erträge aus dem Mineralwasserbetrieb kommen abzüglich der Inves­titio­nen zur langfristigen Sicherung der Arbeitsplätze kari­ta­tiven und sozialen Ein­richtungen  zugute.

Schwesternwohnheim in Bad Adelholzen (CC-Lizenz)


Der Getränkehersteller Adelholzener fördert immerhin im Bergener Moos bei Siegsdorf im Chiemgau eine Million Kubikmeter Wasser pro Jahr aus 160 Metern Tiefe. Die Bür­ger­ini­tiative „Unser Bergener Wasser“, ein par­tei­unabhängiger Zusammenschluss von Ber­ge­ner und Siegs­dorfer Bürgern, fordert ein unabhängiges hy­dro­geo­logisches Gutachten bezüglich der Tiefengrund­wasserentnahme durch die Adelholzener Alpen­quellen GmbH. Haupt­for­derung der Bürgerinitiative ist, dass die geförderten Mengen aus dem Tie­fen­grund­wasser nur dann erhöht werden dürfen, wenn der unabhängige Nachweis erbracht wird, dass die Tie­fen­grund­was­ser­neubildung deutlich höher ist, als die Entnahme.


BUCHTIPP:
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In den nächsten hundert Jahren wird sich das Leben auf der Erde grundlegend ändern. Gletscher werden schmelzen, der Mee­res­spiegel wird steigen, und der Säure­grad der Ozeane wird stärker zunehmen als in den letzten 50 Millionen Jahren. Diese Ver­än­derungen beeinflussen das gesamte Leben – aller Menschen, die wir kennen, und aller Menschen, die wir lieben.


Ein weiterer Fall im Landkreis Mühldorf: Das Un­ter­nehmen InnFood aus Polling produziert Nah­rungs­mittel für Babys und Kleinkinder sowie Bio­le­bens­mittel. In Zukunft möchte das Unternehmen auch Wasser verkaufen, das aus Tiefengrundwas­ser ent­nom­men werden muss. Das Unternehmen hat dazu einen Antrag beim Mühldorfer Landratsamt gestellt. Bei den Bürgern der Region regt sich Widerstand. Die „Bür­ger­ini­tiative Netzwerk Trinkwasser“. hat für die Petition „Keine kommerzielle Vermarktung von Tiefenwasser in Weiding“ bereits rund 3.500 Unterschriften gesammelt.


Eine neue Fassung des Landesentwicklungsprogramms (LEP) von CSU und Freien Wählern lässt Opposition und Kommunalverbände fürchten, dass dadurch Ge­trän­ke­hersteller leichteren Zugang zum Grundwasser be­kom­men könnten. In der neuen Fassung, die noch nicht vom Parlament verabschiedet wurde, heißt es jetzt bei­spiels­weise: „Grundwasser soll insbesondere  der Trinkwasserversorgung dienen.“ Und nicht mehr bevor­zugt. Hinter solchen unscheinbaren For­mu­lie­rungen fürchten Opposition und Kommunal­ver­bände, dass es für Unternehmen künftig leichter werde, sich am All­ge­meingut Wasser zu bedie­nen. Für den Bayerischen Gemeindetag ist der neue Text „ein Signal in die falsche Richtung“. Eine weitere Än­de­rung: Bisher hieß es „Bedeutende, durch Was­ser­schutz­gebiete ... geschützte Trink­was­ser­vor­kommen sollen für die zukünftige Nut­zung dauerhaft  erhalten bleiben.“ Jetzt soll auch das Wort dauerhaft verschwinden. Und das obwohl Bayern nur rund fünf Prozent der Landesfläche als Was­ser­schutz­gebiete ausgewiesen hat (in Baden-Württemberg sind es beispielsweise mehr als 25 Prozent). „Kleinen bayerischen Was­ser­schutz­gebieten den Status „dauerhaft“ zu nehmen, gefährde die Wasserversorgung in Bayern, meint dazu der Gemeindetag.



In anderen Bundesländern müssen Unternehmen für die Entnahme von Grund­wasser zahlen – dort gibt einen so­genannten „Wassercent“. Der wird zwar auch im Frei­staat diskutiert, bis zur möglichen Einführung dürfte es aber noch eine ganze Zeit dauern.


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